Knallgelbes Oberteil, türkiser Oberrock über unzähligen Unterröcken. Ein buntes Tuch auf dem Rücken, in dem ein Kind getragen wird. Bolivien ist genauso kunterbunt wie Guatemala. Die indigenen Männer wie Frauen zeigen gerne Farbe. Auch die Zähne werden zum Protzen mit Gold umrandet, wie in Guatemala. Insofern fühle ich mich gleich ein bisschen wie Zuhause. Der Kopfschmuck ist wiederum ganz anders hier. Die indigenen Frauen, oder auch „Cholitas“ genannt, tragen zwei lange geflochtene Zöpfe mit Bommeln unten dran und viel zu kleine Melonenhüte. Die vielen Geschichten erzählen, dass die Hüte ein Residuum der Spanier sind oder der Briten. Sie waren den Männern viel zu klein oder taugten nichts gegen die hohe Andensonne. Auf jeden Fall wurden sie den „Cholitas“ als Modetrend aus Europa verkauft. Hut gerade auf dem Kopf soll verheiratet bedeuten, Hut schief verwitwet oder Single. Und auf dem Hinterkopf: Beziehungsstatus kompliziert. 🙂

Apropos Beziehungsstatus: wie in vielen anderen Ländern ist es schwierig als Jugendlicher oder junger Erwachsener eine Beziehung zu führen, ohne dass die Eltern sich einmischen. Da Wohnen teuer ist, wohnen alle, bis man eine eigene Familie hat, bei ihren Eltern. Den Freund oder die Freundin mit nach Hause zu bringen ist also manchmal schwierig. Entweder man knutscht im Park oder man mietet sich in dafür eigens geschaffene Etablissements stundenweise mit seiner Freundin ein.

Ungewollte Schwangerschaften gibt es in Bolivien viele, aufgrund von mangelnder sexueller Aufklärung, aufgrund von Vergewaltigungen und mangelhafter Qualität von Kondomen (ja, wirklich). Schwanger, unverheiratet, ohne Job, das treibt viele Mütter in die Verzweiflung. Heimliche Schwangerschaftsabbrüche mit hoher mütterlicher Sterblichkeit sind hier genauso wenig Einzelfall wie ausgesetzte Neugeborene. Die „Pille für danach“ ist nicht verbreitet.

Noch andere schreckliche Dinge passieren hier. In den vergangenen Monaten sind in Bolivien immer öfter Kinder und Jugendliche abhanden gekommen. Es ist nicht ganz klar, ob diese Kinder zur Prostitution gezwungen werden oder ob es Opfer einer Organhandelsmafia geworden sind. Aber die Mütter haben inzwischen Angst um ihre Kinder.

Sind die Kinder aus dem Gröbsten raus, gilt es, ihnen einen guten Job zu verschaffen. Eine gute Ausbildung garantiert das nicht. Viele Akademiker fahren Taxi. Trotzdem versuchen Eltern ihre Kinder zum Studium zu bringen. Ausnahmslos alle „unsere“ Englischschüler haben neben dem Studium in der Universität noch gearbeitet. Sonst kann man sich studieren nicht leisten. Stipendien werden vergeben, aber nur mit Beziehungen. Hat man das Glück einen Arbeitsvertrag zu ergattern, wird der meist nur monatlich verlängert.

Man könnte jetzt meinen, in Bolivien wäre alles schrecklich. Nein, ist es nicht. Bolivien hat viele abwechslungsreiche Landschaften, unterschiedliche Klimazonen und unzählige Fotomotive. Wir empfanden die Bolivianer als sehr nett und zuvorkommend. Besonders mit meinen Krücken und meinem Fuß. Mir wurde immer die Tür geöffnet, es wurde nicht gehupt, weil ich zu langsam war, ein interessantes Gespräch im Taxi oder in der Gondel war fast immer drin. Und natürlich die Menschen aus der Sprachschule in Sucre bleiben in besonders guter Erinnerung. Die Herzlichkeit und das gemeinsame Kochen immer mittwochs. Und ja, es stimmt. Die Bolivianer lieben es zu essen und zu feiern. Jedes Wochenende, teilweise jeden Abend, hört man einen Umzug, eine Parade, laute Trommeln und mehr oder weniger schief klingende Blasinstrumente. Und irgendein Anlass dafür findet sich immer… Nach zwei Monaten können wir sagen: Uns hat es sehr gut gefallen.

Und nun lassen wir die Bolivianer selbst zu Wort kommen:

„Ich werde Evo Morales wiederwählen. Er hat uns Arbeit gegeben.“ Indigene Taxifahrerin

„Entweder der Kapitalismus stirbt oder Mutter Erde stirbt.“ Evo Morales

„Nein, es muss ein Wechsel her. Wir brauchen einen anderen Präsidenten.“ Taxifahrer in Sucre

„Am Anfang habe ich auch für Evo Morales gestimmt. Aber das werde ich jetzt nicht mehr tun. Er beklaut unser Land, er beklaut uns.“ Indigener Taxifahrer in Sucre

„Unser Präsident ist ein Drogenhändler. Oder was denkst du, warum er eine Verbindung aus dem Kokaanbaugebiet Nummer eins nach Brasilien bauen will? Mit diesem Präsident werden wir niemals voran kommen.“ Tati aus Sucre

„Bolivien importiert die ganzen Waren aus China, Japan, Brasilien. Schau dir die Autos da unten an, die sind alle aus China. Wir sollten selbst mehr produzieren. Das hat unsere jetzige Regierung versäumt.“ Fahrgast in einer Gondel in La Paz

„Das Huhn, das wir essen, ist voller weiblicher Hormone. Deshalb haben Männer, wenn sie diese Hühner essen, Abweichungen in ihrem Wesen als Männer.“ Evo Morales

„Klar werde ich Evo Morales wiederwählen. Es gibt ja niemand anderen.“ Taxifahrer in La Paz

„Wir haben so ein schönes Land. Wir haben alles, Dschungel, die Anden, Schnee, nur kein Meer.“ Taxifahrer in Sucre

„Wir haben so viele Bodenschätze: Mineralien, Lithium, Erdgas, Erdöl. Und wir sind nur 10 Millionen Bolivianer. Wie kann das sein, dass wir trotzdem von dem Reichtum nichts abbekommen?“ René aus Sucre

„Es ist egal, ob nächstes Jahr Evo Morales oder jemand anderes Präsident wird. Für uns wird sich nichts ändern. Auswandern ist die einzige Option.“ Lehrerin und Wäschereifrau in Sucre

Wir verabschieden uns aus Bolivien mit für uns typischer Paradenmusik: